Defätistisches zu Tibet

Keine Frage: Die Volksrepublik China ist ein autoritärer Staat. Die Niederschlagung der Proteste in Tibet, auch mit Hilfe des Militärs, ist ein aggressiver Akt mit üblen Menschenrechtsverletzungen. Auch scheint eine Ansiedlung von Menschen aus dem Rest des Reiches eine Auflösung der tibetanischen Identität voran zu treiben.

Zu letzterem Umstand stellt sich die Frage: Na und? Um die Auflösung der Feudalordnung unter der Herrschaft der Lamas ist’s nicht schade. Die war alles andere als demokratisch und fortschrittlich, Buddhismus hin oder her. Die Klosterkultur gibt es offenbar weiterhin. Eine klare Definition des tibetanischen “Volkes” ist völkisch und ausgrenzend. Es ist doch nicht weiter schlimm, wenn Menschen zuziehen, weil sie in Tibet bessere Entwicklungschancen für sich sehen. Wer das ablehnt, dürfte auch Probleme mit den Immigranten in Deutschland haben. Wo liegt also das Problem, außer dass man sich sicherlich einen angenehmeren übergeordneten Staat als China wünschen kann?

Die Proteste in Europa und Nordamerika gegen die chinesische Aufstandsbekämpfung in Tibet sind vermutlich vor allem von der Wut gespeißt, dass es jemand wagt, auf dem Land des Dalai Lama herumzutrampeln. Dabei ist doch der Tibeter als Buddhist so edel und friedfertig. Tibet ist noch mehr als jeder Palmenstrand ein Bildnis für das Paradies. Das darf auf keinen Fall gestört werden, sonst gibt’s Saures!

Anders ist nicht zu erklären, warum die Proteste so heftig und breit ausfallen. Es geht um die Bedrohung eines Traumbildes und nicht um Menschenrechte an sich. Warum sonst sind die Demonstrierenden (die Exiltibetaner/innen ausdrücklich ausgenommen!) nicht auch und viel entschiedener gegen das Morden in Zaire (min. 3,8 Mio. Tote in 10 Jahren), Ruanda (1 Mio. Tote in 100 Tagen) und Uganda (wo das Morden anhält) auf die Straße gegangen? Weil es dort - bis auf die Berggorillas - so traurig ist, dass man damit ohnehin nichts zu tun haben will. Dort werden nur Menschen und nicht die Friede-Freude-Eierkuchen-Träume satter Europäer und Amerikaner ermordet.

Die (Zer)störung eines Traumes schafft eigene Betroffenheit. So gesehen sind die Proteste absolut legitim. Nur die Behauptung, es ginge um die Menschrechte der Tibeter an sich, ist total verlogen! Es geht um die Menschenrechte der beim Dalai Lama nach Orientierung suchenden Metropolenbewohner. Um nichts anderes.

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