Das langweiligste Jahrzehnt
Das Ende des ersten Jahrzehnts nach der Jahrtausendwende ist absehbar und eine vorläufige Bilanz berechtigt. Die 00erjahre werden bezüglich kultureller und gesellschaftlicher Innovationen als die langweiligste Dekade seit dem 2. Weltkrieg in die Geschichte eingehen.
Keine neue Jugendkultur konnte sich etablieren oder zumindest die Gesellschaft in Aufregung versetzen, keine neue Musikrichtung hat sich durchgesetzt und keine neuen politischen Entwürfe haben die Massen hinter dem Ofen hervor gelockt.
Nach dem noch zaghaften Aufbegehren der Rock’n'Roll-Generation gab es in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts eine ganze Serie von Jugendkulturen, die sich mal als politische Protestbewegung (68er, Autonome), mal in erster Linie das Recht auf Party einfordernd (Techno), gegen die normierte Welt der vorangegangenen Generationen (45 Jahre arbeiten, Bausparvertrag etc.) artikulierten. Dem politischen Protest ging bereits Anfang der 90er, den Partypeople 10 Jahre später die Luft aus.
Danach hat sich zumindest hierzulande Langeweile breit gemacht. Die 20- bis 30jährigen, traditionell die Trendsetter, bewegen sich angepasst in wechselnden Retro-styles, ohne auch nur einen Ansatz von kreativem Aufbegehren erkennen zu lassen. Die paar Protestler, die den öffentlichen Raum besetzen, wirken trotz ihrer Erfolge im Kampf gegen Nazis im Kopieren des Stils und der Schlagworte der 80erjahre einfach nur lächerlich.
Musikalisch gibt’s zwar viel Gutes, aber wahrnehmbar neu ist eigentlich nur die Verschmelzung von Reggae, Dub und HipHop (Seeed), die sich aber bisher nicht so deutlich wie z.B. Techno in den 90ern durchsetzen konnte. Selbst wenn sich wider Erwarten noch eine kulturelle Innovation entwickeln bzw. an Breite gewinnen würde, dürfte die sich erst im nächsten Jahrzehnt durchsetzen und diesem zugerechnet werden.
Obwohl die extreme Ausgrenzungspolitik des Establishments und der globale Wettbewerb der wirtschaftlichen wie militärischen Machtpolitik mindestens genauso notwendig gesellschaftliche Gegenströmungen hervorrufen müssten wie der Klimawandel, kondensiert keine individuelle Unzufriedenheit zu neuen Protestbewegungen wie etwa auf Grund des Vietnamkriegs in den 60erjahren oder der Atompolitik ab den 70ern. Der aufflammende Widerstand gegen die rigerose Form der Globalisierung (Genua, Rostock) war nur ein punktueller Nachhall der 80er und 90er.
Bleibt nur zu hoffen, dass sich die Unzufriedenheit mit den Lebenssituationen der Jugendlichen in eigenen Kulturen und Protestformen mit neuen Musikströmungen formuliert und ein spannenderes Jahrzehnt als dieses folgen lässt. Gedämpft wird diese Hoffnung durch den harten wirtschaftlichen Wettbewerb, der den einzelnen Akteuren kaum ermöglicht, sich die dazu notwendigen Freiräume zu nehmen, ohne den beruflichen Anschluss zu verlieren. So bleibt nur festzustellen, dass der nicht durch Prosperität und gesellschaftliche Teilhabe am Wohlstand abgefederte Kapitalismus ähnlich dem Totalitarismus mit dem permanenten Verbreiten von Angst eine kreativ und solidarisch voranschreitende Gesellschaft verhindert.
In Deutschland, das lehrt uns die Geschichte, sowieso.


23 September 2008 um 14:18
Das denke ich auch ganz oft, aber auch die anderen Absätze sprechen mir aus der Seele (wenn es die denn gibt). Aber um sich zu solidarisieren, müsste man sich für andere interessieren … und da erkenne ich auch bei mir große Defizite.
01 Oktober 2008 um 21:57
ach…. *janz jenau* selten so ein totlangweiliges, lähmendes Jahrzehnt erlebt.
Und immerhin habe ich schon fast 4 mitgemacht…. und ich dachte immer die 80iger waren totlangweilig…. aber das täuschte. Gut, ok ich setzte meine Hoffnung in BaggyJeans tragende Jungs mit seltsamen Hütchen aufm Kopp und Mädels mit Beehive und Jogginghosen….. *heul* na dann mal Prost